Diese Frage stellt sich wohl jeder Reitschüler nicht nur am Anfang einer Unterrichtsvereinbarung. Das, was eine klare, eindeutige Empfehlung auf diese Frage so schwer macht, liegt darin, dass die Antwort von vielen verschiedenen Faktoren abhängt: Will man nur an einer einzelnen Lektion arbeiten, oder soll der Unterricht auch Reitgrundlagen wie den Sitz oder die Prinzipien der Hilfengebung (die in jeder Reitkultur anders sind) oder den Aufbau der Ausbildung miteinschließen? Wie ist der Ausbildungsstand der Reiterin wie der des Pferdes, welche Erfahrungen sind vorhanden, welche Fehler haben sich bereits verfestigt. Und natürlich auch, wie es um den Fleiß und die Konsequenz des Schülers in der eigenständigen Arbeit steht.

Wenn man ein eigenes Pferd hat, hat man in der Regel bereits Reiterfahrungen gesammelt, auf die man aufbauen kann. Das klingt erst mal gut, kann aber auch Nachteile haben. Denn Unterricht hatte man als Kind oder als junge Frau, nur konnte man sich da noch kein Pferd leisten; und als man sich ein Pferd leisten konnte, lag der Unterricht doch schon eine Weile zurück. Unter Umständen fand man das, was einem damals beigebracht wurde, auch nicht so „prickelnd“ und sucht einen anderen Zugang zum Pferd, weiß aber auch nicht so recht, was man anders machen will. Also „handwerkelt“ man mit viel guten Willen irgendwie weiter in der Hoffnung darauf, dass das Pferd dabei mitmacht. Leider kann ein lernfähiges Lebewesen nicht nicht lernen; ein Pferd lernt immer, auch wenn wir das gar nicht wollen. Und so versuchen Pferd und Mensch miteinander zurechtzukommen und es schleichen sich Gewohnheiten ein, die sich immer mehr verfestigen, obwohl sie alles andere als nicht hilfreich sind.

Die Aufgabenstellung heißt also als Allererstes: Sich darüber klar werden, wie man reiten will und ob der jetzige Reitstil dazu passt. Wenn man seinen Reitstil ändern will, geht es im Unterricht erst einmal darum, alte Gewohnheiten zu vergessen und neue zu erlernen. Leider ist das nicht einfach, denn Gewohnheiten laufen unbewusst und automatisiert ab. Wenn man z. B. einmal verinnerlicht hat, am linken Zügel zu ziehen, weil man nach links abwenden will und dafür den rechten Zügel durchhängen lässt, kommt man ohne ständige Korrektur (zumindest zu Beginn) nicht weiter. Denn der Wille, etwas zu verändern, wäre ja vorhanden, aber wir werden uns unseres Fehlers erst bewusst, wenn er schon passiert ist. Vor allem dann, wenn wir ihn mit „Gewalt“ abstellen wollen. Ein objektiver „Beobachter“, der dem Reiter Rückmeldungen über seine Hilfen gibt, kann dabei sehr hilfreich sein.

Auch die Konsequenz des Schülers spielt eine wesentliche Rolle. Dazu ein einfaches Beispiel: In einer Unterrichtsstunde steht das „Reiten in Konterstellung“ auf dem Lehrplan. Nun kann der Reitlehrer dem Schüler zwar vermitteln, wie er dabei vorgehen und arbeiten soll, aber damit ist nicht mehr als ein Grundstock gelegt. Denn nur weil man etwas weiß, kann man es noch lange nicht. Es muss erst vom Kopf in den Bauch kommen, – also zu einer Gewohnheit werden. Das gilt für den Schüler genauso wie für das Pferd. Noch dazu, wenn das Pferd Widerstände zeigt, mit denen der Schüler nicht umgehen kann. Also wäre die logische Folgerung: Die nächste Reitstunde findet statt, wenn die Konterstellung im Schritt und Trab so weit erarbeitet ist, dass der Reitlehrer darauf aufbauen kann.

Leider ist das pure Theorie, weil absolut nicht abgesichert ist, dass der Schüler in der Reitstunde wirklich verstanden hat, wie er beim Training vorgehen soll und das auch in der nächsten Woche noch weiß. Nicht weil er so vergesslich ist, sondern weil Reiten zwar auch etwas mit dem Intellekt zu tun hat, aber wesentlich Fühlen und Körperbeherrschung ist; Eigenschaften, die wir in unserem Alltag nicht in dem Maß brauchen.

Man kann es Drehen und Wenden wie man will, eine starre Stundenregelung kann nicht das Maß für einen effizienten Unterricht sein. Die logische Folge ist eine variable Stundenvereinbarung. Je nach dem Schwierigkeitsgrad der Lektion und den Vorkenntnissen legen der Lehrer und der Schüler fest, wie viele Stunden voraussichtlich gebraucht werden, bis sichergestellt ist, dass der Schüler die Arbeitsweise wirklich verstanden hat und selbstständig weiterarbeiten kann. Es kann sein, dass dafür zwei oder drei Stunden genügen. Bei schwierigen Lektionen können es natürlich auch mehr Stunden sein. Es kann in dieser Phase sinnvoll sein, an zwei (oder mehr) Tagen in der Woche am Thema zu arbeiten. Die Dauer der anschließenden Übungsphase muss der Schüler selbst bestimmen. Nur er weiß, wie viel Zeit er sich für das Üben nehmen kann und will. Dann sollte eine Überprüfung des Lehrstoffes stattfinden. Die Lektion muss dabei nicht perfekt erarbeitet sein, aber der Reitlehrer sollte erkennen können, ob in der Übungsphase korrekt gearbeitet wurde. Daraus ergibt sich dann die weitere Vorgehensweise: Entweder muss die Übungsphase verlängert werden, oder man kann die nächste Lektion „in Angriff“ nehmen.

Reisch, 19.03.2022